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Archive für 22.6.2010
Die Kraft der Linie
22.6.2010 by dirkschwarze.
Mit einer beispielhaften Konsequenz widmet sich die Galerie Kunstraum Kassel (Brüder-Grimm-Platz 4) einem stillen Feld der Malerei. Vorgestellt werden Bilder von Künstlern, die in ihren Werken vordergründig nichts darstellen wollen. In diesen Bildern geht es durchweg um nichts anderes als die Malerei selbst - um die Malweise, um die Schichtung der Farben, um die Oberflächenstruktur. Wer aus der Distanz auf diese Bilder blickt, sieht farbige Flächen oder, wie man sagt, monochrome Gemälde - mehr nicht. Wer sich allerdings auf das Galerie-Programm eingelassen hat, konnte lernen, daß sich hinter dem Oberbegriff monochrome Malerei eine erstaunliche Vielfalt verbirgt, die zu entdecken ist.
Der Kölner Zeichner und Maler Hermann Abrell ist eine solche Entdeckung wert. Abrell setzt auf die Kraft die Linie. Mit großer Geduld und ruhiger Hand setzt er in Bleistiftzeichnungen auf Papier, in Acryl-Gemälden auf Leinwand oder in Tuschebildern eine vertikale Linie neben die andere. In jedem seiner Bilder findet er einen eigenen Rhythmus. Mal wachsen die Linien zu gleichmäßigen Geweben zu, dann wieder öffnen sie sich, lassen Licht hindurch, oder sie krümmen und überlagern sich.
Seit vielen Jahren schon untersucht Abrell auf diese Weise die Sprache von Stift, Feder und Pinsel und die Ausdrucksmöglichkeiten der Farben. In einem Bild, das im Kunstraum zu sehen ist, hat der Grund die aufgetragene Japantusche aufgesaugt: Es ist, als wäre die Malerei abhanden gekommen und wäre daraus eine Textilarbeit geworden. Gegenüber hängt eine Vierergruppe von grau-blauen Gemälden, aus denen die schichtenweise aufgetragenen Farbstreifen hervortreten und den Bildern zu plastischer Tiefe verhelfen. Der Wechsel von der dichten zur offenen Malerei bringt überraschende Spannungen in die Gemäldegruppe.
Abrell ist ein Analytiker der Farbe - und auch mehr. Seine Bleistiftzeichnungen, die auf Anfrage den Besuchern vorgelegt werden, beweisen, daß Abrell nicht auf die Farbe angewiesen ist. Aus der Anwendung seines einmal gefundenen Formenprinzips findet er denn auch zu Lösungen, die Spontanes und Emotionales ebenso zulassen wie radikale Strenge.
HNA 3. 2. 1993
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