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Der Ausstieg aus dem Bild
VENEDIG Von der ersten Kasseler documenta gibt es ein Foto, auf dem der damals 36jährige venezianische Maler Emilio Vedova vor einem Picasso-Bild zu sehen ist, das er Besuchern erklärt. Es ist kein Zufall, daß das Foto gemacht wurde und erhalten blieb: Wo immer der bärtige, hünenhafte Künstler (bis heute) auftritt, zieht er die Blicke auf sich, weil er nicht nur mit den Händen, sondern mit dem ganzen Körper spricht. Wenn man ihm zuhört und auf ihn blickt, dann sieht man förmlich, wie er aus der Kraft des ganzen Körpers malt, wie er über die Grenzen des Bildes hinausgeht und seine Malerei den Raum erobern läßt. Wenn es einen Künstler gibt, der für sich beanspruchen kann, schon ganz früh den „Ausstieg aus dem Bild” gewagt zu haben, dann ist es Vedova. Zur documenta III (1964) hatte Vedova einen Raum gestaltet, der ein wenig an eine Geisterbahn erinnerte. Das klassische, gerahmte Gemälde hatte er hinter sich gelassen. Seine kraftvolle gestische Malerei war auf Stellwänden zu sehen, hatte frei im Raum stehende Ständer erobert und suchte auf collagierten, gezackten Platten die Nähe zur Skulptur. Emilio Vedova ist im besten Sinne ein abstrakter Expressionist, der sich seine Frische und Spontaneität bis ins Alter bewahrt hat. Vedovas Bilder waren in den ersten drei documenten in Kassel zu sehen. Als um 1980 herum vornehmlich in Deutschland und Italien eine neue wilde Malergeneration aufstand, da brauchte Vedova sich gar nicht anzupassen – er hatte schon immer in diese Richtung gewiesen. So war es konsequent, daß Rudi Fuchs Vedova 1982 zur documenta 7 erneut einlud. Emilio Vedova ist der Sohn eines venezianischen Anstreichers und kam zur Kunst weitgehend als Autodidakt. Obwohl er auch stark farbig malte, sind die meisten seiner Arbeiten von der grafischen Wirkung der schwarzen Pinselstriche auf weißem Grund geprägt. In der Biennale-Stadt Venedig ist Vedova eine Institution. Seine Bilder waren auf nahezu jeder Biennale zu sehen. Erst in diesem Jahr beendete Harald Szeemann dieses Ritual. Heute wird der immer noch äußerst produktive Maler 80 Jahre alt.
HNA 9. 8. 1999
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