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Big Mother läßt herzlich grüßen
Heute werden ab 15 Uhr drei Ausstellungen im Kasseler Museum Fridericianum eröffnet. Im Zentrum stehen die eigenwilligen Text-Foto-Geschichten der Französin Sophie Calle (Jahrgang 1953).
Die faszinierendste und poetischste Arbeit von Sophie Calle hängt in dem Hauptraum des 1. Stocks im Museum Fridericianum, in dem Eingangssaal. Die vielteilige Wand-Installation besteht aus Bildern und heißt „Die Blinden“. Jedes Element besteht aus drei bis vier Bildern. Man sieht jeweils das Fotoporträt eines Blinden und daneben einen gerahmten Text; darunter befinden sich ein bis zwei Bilder, die auf einem Bord an der Wand lehnen. Auf diesen Fotos sind schöne Aspekte unserer Welt zu betrachten.
Sophie Calle hat die Menschen, die nie etwas von der Welt gesehen haben, gebeten, ihr Bild von Schönheit zu beschreiben. Der Eine nannte eine Landschaft, der Zweite erzählte vom Haar und die Dritte von einem religiösen Relief-Bild. Die Künstlerin hat die Beschreibungen in den Rahmen dokumentiert und hat ihr eigenes Bild von dem Schönen dazu gestellt.
Die Arbeit nimmt einfach deshalb so gefangen, weil sie vom Bilderreichtum in einer anscheinend bilderlosen Welt erzählt. Darüber hinaus begeistert, wie es Sophie Calle gelingt, aus der Reihung der Bilder immer wieder neue, größere Bilder zu formen.
Die Französin, die im Fridericianum erstmals 1993 in der Ausstellung „Nachtschattengewächse“ vorgestellt wurde, ist eine Künstlerin, die systematisch mit der Kamera arbeitet, ohne im engeren Sinne Fotografin zu sein. Sie begibt sich mit dem Fotoapparat auf Spurensuche, um über die Dinge Personen zu charakterisieren, um Identitäten zu konstruieren und zu erfinden und um Geschichten zu erzählen. Die begleitenden beschreibenden Texte sind ebenso wichtig wie die Fotos. In der Hand von Sophie Calle gewinnen sie Bildcharakter.
Die Ausstellung heißt „Die wahren Geschichten der Sophie Calle“. Wahr sind ihre Arbeiten durchgängig im poetischen Sinne, womit schon gesagt ist, dass es gar nicht darauf ankommt, wo die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verlaufen. Und doch gibt es einige Arbeiten, die unmittelbar zum Vergleich mit der Wirklichkeit herausfordern. Denn in einer Zeit, in der sich schon ein Kult um die Menschen entwickelt, die sich 100 Tage lang in dem „Big Brother“-Projekt per Video beobachten lassen, muss man unwillkürlich an unsere Fernsehwelt denken, wenn man vor das Foto-Tableau „Die Schläfer“ tritt. Sophie Calle, so scheint es, agierte bereits vor 20 Jahren als eine Art Big Mother: Sie lud nämlich 45 Freunde, Bekannte und Unbekannte ein, nacheinander für acht Stunden in ihrem Bett zu schlafen und sich dabei von ihr fotografisch beobachten zu lassen. In einem anderen Fäll verfolgte sie wie eine Detektivin mit der Kamera eine Zufallsbekanntschaft kreuz und quer durch Venedig. Oder sie verdingte sich in einem Hotel als Zimmermädchen, um anhand der herumliegenden Utensilien der ausgegangenen Gäste psychologische Fotoporträts dieser Namenlosen anzufertigen.
In einigen ihrer Projekte lebt Sophie Calle den Voyeurismus aus, aber der ist nur Mittel zum Zweck: Aus den unterschiedlichsten Richtungen bewegt sie sich auf das selbst gesteckte Ziel zu, die Menschen durch die fotografische Dokumentation ihrer Wege, Gebrauchsgegenstände und Vorstellungen zu porträtieren. Aber sie konstruiert auch Bilder von sich selbst, indem sie einen Raum mit Gegenständen eingerichtet hat, zu denen sie kleine autobiografische Geschichte erzählt.
Durch Sophie Calle gewinnt das Stilmittel der Text-Foto-Geschichten eine neue Kraft. In diesem Fäll stört auch gar nicht, dass es neben den Bildern viel zu lesen gibt. Im Gegenteil: Die Texte sind so pointiert geschrieben, dass man noch mehr aufnehmen könnte.
Gleichzeitig mit dieser ersten großen Sophie-Calle-Ausstellung in Deutschland wird die fünfte Folge der Reihe „Rundgang“ gestartet, in der dieses Mal sieben junge Künstlergruppen vorgestellt werden. Das Entree bildet eine Erinnerung an das Künstlerpaar Abramovic/ Ulay. Ebenfalls mit dem Medium Fotografie beschäftigt sich der Kasseler Kunstverein, der unter dem Titel „Östlich von Eden“ Arbeiten der Foto-Agentur Ostkreuz“ präsentiert.
HNA 8. 4. 2000
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