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Der wahre Weg zum Himmel
Das Machen als Kunst: Der aus Nigeria stammende und in Mannheim lebende Künstler Mo Edoga arbeitet während der gesamten documenta-Zeit an seinem „Signalturm der Hoffnung“.
Der Bezug zu Joseph Beuys ist unübersehbar Wie der große Pionier heutiger Kunst ist auch der studierte Arzt und Künstler Prof. Dr. Mo Edoga während der gesamten documenta-Zeit in Kassel präsent. Auch Edoga spricht und diskutiert immer wieder mit den Passanten und Besuchern, die traubenweise vor seinem „Signalturm der Hoffnung“ am Rande des Friedrichsplatzes stehenbleiben.
Doch während Beuys die documenta als Forum für seine Ideen nutzte, geht es Edoga nicht um die Propagierung von Gedanken und Anschauungen. Er steht ein für das Machen: Vor den Augen des Weltpublikums baut er an seinem Doppelturm, bohrt Löcher in die Schwemmhölzer, richtet sie auf und verknüpft sie mit Bändern. Er führt vor, wie die Kunst aus dem Können entsteht, wie das Wissen um die Technik und die Vollendung der Handfertigkeit die Bauweise zu einem zwangsläufigen Vollzug werden lassen.
Die documenta IX ist eine Ausstellung der Außenseiter. Mo Edoga repräsentiert eine extreme Position. Dabei hat das, was er macht, weniger mit seinem Heimatland Nigeria zu tun als mit einem Widerpart zum zeitgenössischen Kunstbetrieb. In vielen Abteilungen wird die documenta geprägt von Künstlern, die von dem Wissen und der Idee ausgehen und für die das Machen eine Sache zuarbeitender Handwerker und Techniker ist. Für Mo Edoga ist diese Kunst erledigt. Er praktiziert Kunst als „erlebte Philosophie des Könnens“ und bekennt sich zu dem Wort, das von vielen als Keule gegen die zeitgenössische Kunst benutzt wird: „Kunst kommt von Können“.
Mo Edoga arbeitet an seinem Turm bis zum Sonntag Abend, bis zum letzten documenta-Tag. Und dann? Wird danach abgebaut? Den Künstler interessiert diese Frage nicht: „Kunstwahrnehmung hat mit der Entstehung nichts zu tun. Der Weg ist das Ziel“. Ganz anders sehen das die Freunde und Verehrer von Edogas Werk. Sie möchten den Turm erhalten sehen - mindestens bis zum Vorfeld der nächsten documenta. Auch Jan Hoet wäre dafür - gerade auch deshalb, weil Edoga mit seinem Werk ein Zeichen setzt gegen die Botschaft von der zerbrochenen Utopie.
Es ist, als hätte Edoga in seinen Turm aus Schwemmhölzern, die aus Flüssen, Talsperren und von der Küste herangeschleppt wurden, die Träume und Wünsche der Menschen hineingebunden. Sein Turm, der ebenso stabil wie flexibel ist, scheint die Sehnsüchte der Menschen in sich zu bergen. Er strebt nach oben und bleibt offen und damit in einer gewissen Weise unvollendet; er verheißt Abenteuer und Geborgenheit; und die vielen Hölzer und wenigen Steine, aus denen er gebaut ist, führen zahlreiche Geschichten und Schicksale zusammen.
Sein „Signalturm der Hoffnung“ berge den wahren Weg zum Himmel, meint Edoga mit einem lachenden Seitenblick auf Jonathan Borofskys „Man Walking to the Sky“ (,‚Himmelsstürmer“). In seinem Turm könne man allmählich hochsteigen, sich ausruhen und dem Ziel nähern. Borofskys Arbeit wäre nur dann der „Ansatz eines Kunstwerkes“, wenn das Rohr, auf dem Mann in den Himmel wandere, mindestens ein Kilometer lang wäre. So unterschiedlich sind die Positionen. Genau aus dieser Gegensätzlichkeit bezieht die documenta IX ihre Spannung.
Wird Mo Edoga fertig, hat sich sein Konzept erfüllt? Auf diese Fragen weiß der Künstler keine Antworten, weil für ihn die Fragen keine sind. Wenn die Technik fundiert vorhanden sei, vollziehe sich die Arbeit nach ihren eigenen Gesetzen. Dann werde die Gestalt (in diesem Fall die Höhe des Turm) vornehmlich durch die Menge des verfügbaren Materials bestimmt.
Mo Edoga muß nicht ans Ziel kommen. Das hat er während seiner wochenlangen Arbeit am Turm längst erreicht. Er hat, wie es sein Wunsch ist, Besucher und Passanten ins Schlepptau genommen, um sie zu überzeugen, daß Kunst und Kultur aus der vollendeten Übung entstehen. Mo Edoga hat Jünger gewonnen - für eine neue Kunst des Handelns.
HNA 18. 9. 1992
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